02.02.2022
Eisstock

Ein Sport für alle

Ricarda Müller-Grimm, Eisstockschützin bei Eintracht Frankfurt und Mathias Roock, Abteilungsleiter der Eissportabteilung, berichten im Interview über ihre Eisstock-Karriere.

Konzentration und Geschick sind unverzichtbar im Stockschießen, das für verschiedene Wetterbedingungen und für jedes Alter geeignet ist. 2026 wird der Sport in Mailand sogar erstmals olympisch. Ricarda Müller-Grimm und Mathias Roock sind schon lange auf dem Eis unterwegs. Ein Weg bei dem es für die beiden ausschließlich Eintracht Frankfurt gab.  

Wie seid ihr zum Eisstockschießen gekommen?
Mathias:
Die Anlage in Frankfurt wurde 1990 eingeweiht und 1991 bin ich durch familiären Kontakt nach Frankfurt gekommen. Der damalige Abteilungsleiter Günther Demuth ist der Cousin meiner Mutter; da lag es nahe, sich dem Sport anzuschließen.

Ricarda: Mein Vater hatte schon gespielt, dadurch war ich von klein auf mit dabei und habe ihm über die Schulter geschaut. Ab einem gewissen Alter habe ich dann den Stock selbst in die Hand genommen und angefangen.

Welchen Reiz hat die Sportart für euch?
Ricarda:
Für mich ist es vor allem die Tatsache, dass man das von jungen Jahren bis ins hohe Alter spielen kann. In der Mannschaft geht es um Zusammenhalt und Teamplay. Genau diese Zusammengehörigkeit macht den Sport für mich aus. Das geht sogar so weit, dass zwischen den Vereinen ein großer Zusammenhalt und ein Fairplay-Gedanke herrscht, weil viel Zeit miteinander verbracht wird.

Mathias: Das, was Ricarda gesagt hat, unterstütze ich auch. Ich würde noch ergänzen, dass man beim Solo-Spiel sich selbst der Nächste ist, selbst entscheiden muss, was man tut und niemandem böse sein kann – höchstens sich selbst.

Was zeichnet das Eisstockschießen aus?
Ricarda:
Eisstockschießen ist sowohl eine Einzel- als auch eine Teamsportart, in der es vor allem um Konzentration und Geschick geht, die in jedem Alter ausgeführt und in vielen Varianten gespielt werden kann. Es gibt das Einzelspiel und das Solospiel, man kann im Duo und im Trio spielen, aber die normale Variante ist die, dass man zu viert spielt und jede Person ihren Stock hat. Außerdem können wir sowohl auf Eis als auch auf Asphalt spielen.

Mathias: Dann gibt es aber auch noch den Weitenwettbewerb, in dem es um die bestmögliche Weite geht.

Bereits in jungen Jahren wurde Ricarda Müller-Grimm mit zum Eisstockschießen genommen, bis sie schließlich selbst den Stock in die Hand nahm.

Wie kann man sich den Sport auf Asphalt vorstellen?
Ricarda:
Auf Asphalt verwenden wir an den Stöcken andere Laufsohlen, die aus Kunststoff bestehen, damit die Stöcke besser über den Untergrund schlittern können. Auf Eis wird Gummi benutzt. Früher waren die Eisstöcke auch aus Holz, weil in der Regel auf vereisten Seen oder zugefrorenen Flüssen gespielt wurde.

Ricarda, du hattest angesprochen, dass Konzentration und Geschick sehr wichtig sind. Worauf kommt es noch an?
Ricarda:
Es ist wichtig, taktisch zu spielen. Was mache ich? Wo platziere ich meinen Stock? Wie fordere ich den Gegner heraus? Das sind alles Fragen, die man sich stellen muss. Ziel bei jedem Spiel ist es, die eigenen Eisstöcke auf der Bahn möglichst dicht an das Ziel zu befördern. Dazu werden Konzentration, Präzision und auch etwas Kraft benötigt.

Mathias: Beim Zielwettbewerb ist auch die Plattenkenntnis maßgebend und beim Weitenwettbewerb auf jeden Fall eine hohe Kondition.

Gibt es Unterschiede mit dem Eis, auf dem ihr spielt?
Ricarda:
Absolut. Wir spielen auch nicht auf dem klassischen Schlittschuheis, das noch extra mit Wasser glatt gemacht wird. Bei uns wird das Eis „angeraut“ beziehungsweise „gerieft“, damit wir eine schönere Spielfläche haben. Wir haben auch keine Schlittschuhe an den Füßen, sondern spezielle Schuhe, mit denen wir einen guten Stand haben und nicht ausrutschen. Im Sommer hat sich das mittlerweile auch weiterentwickelt. Es gibt Kunststoffbahnen; es kann auch auf Beton, Asphalt oder Pflastersteinen gespielt werden.

Wie hat sich die Pandemie auf den Sport ausgewirkt?
Ricarda:
Dadurch, dass wir im Sommer im Freien sind, durften wir zumindest innerhalb eines Hausstands oder Familienbunds weitermachen. Wir hatten danach auch funktionierende Hygienekonzepte, denn ich wüsste jetzt nicht, dass es bei uns im Trainingsbetrieb oder bei Turnieren, wenn sie denn stattgefunden haben, Ausbrüche gab. Wir waren vorsichtig und haben alles dokumentiert, aber selbstverständlich ist eine Unsicherheit da, weil wir hier in der Region West einen hohen Altersdurchschnitt haben.

Hat das Gemeinschaftsgefühl beim Eisstockschießen darunter gelitten?
Ricarda:
Ja, das ist auf jeden Fall ein Thema. Man hat keine Vereinsabende mehr und kann sich nicht mehr zusammensetzen. Wir sind eine große Familie und dann geht das schon auseinander, wenn man so auf Distanz sein muss. Aber dadurch, dass wir keinen Kontaktsport betreiben, bei dem wir dem anderen auf die Pelle rücken, habe ich ein gutes Gefühl für die Zukunft.

Ich bin also wirklich in eine Eintracht-Familie hineingewachsen – und das macht mich schon sehr stolz.

Ricarda Müller-Grimm

Warum genießt der Sport in euren Augen im Raum Frankfurt so wenig Aufmerksamkeit und was könnte dagegen getan werden?
Mathias:
Wenn man allgemein die Vielfältigkeit an Angeboten in Frankfurt am Main und bei der Eintracht selbst betrachtet, muss man sich die Frage stellen: Möchte sich ein Jugendlicher schon morgens um 6.45 Uhr auf das Eis stellen? Wir haben leider solche Zeiten in der Frankfurter Eissporthalle und die sind auch nicht billig. Auch überregional sind die Startzeiten ähnlich. In Bayern gibt es aber zum Beispiel in ländlichen Gebieten weniger Angebote, dort sind die Vereine durch Eigengewächse geprägt. Man muss sich das generell mal vorstellen: In Hessen gibt es 15 Vereine, in Bayern mehr als 1000 Mannschaften.

Ricarda: In Bayern ist Eisstockschießen sogar Schulsport. Wir versuchen in Frankfurt schon, neue Mitglieder zu bekommen, indem wir viele Jahre Gästeveranstaltungen angeboten haben. Wer in Frankfurt in den Wintermonaten eine Weihnachtsfeier oder ein Betriebsfest gemacht hat, konnte uns über die Eissporthalle mieten. Wir haben dann Eisstockschießen als Event angeboten und immer die Hoffnung gehabt, den einen oder anderen zu uns zu holen. Ich glaube aber, dass es heutzutage schwierig ist, Leute für eine Sportart zu motivieren, bei der es zum Beispiel im Vergleich zu Fitnessstudios eine gewisse Verbindlichkeit gibt. Ich hoffe aber, dass Olympia helfen kann, neue Mitglieder zu gewinnen.

Wie sieht euer Programm für die kommenden Wochen aus?
Ricarda:
Wir trainieren seit einigen Tagen wieder. Zudem waren wir in den Vorbereitungen für unser großes, traditionelles Turnier in der Eissporthalle am 19. Februar, das wir jetzt leider Pandemie-bedingt absagen mussten. Für die nächsten Monate sind außerdem Turnierbesuche geplant. Deutsche Meisterschaften finden aber nicht nur im Winter, sondern auch im Sommer statt.

Wie läuft eine Deutsche Meisterschaft im Eisstocksport ab?
Mathias:
Wenn das Turnier außerhalb von Frankfurt stattfindet, ist eine Anreise am Vortag sinnvoll. Der Turniertag beginnt mit Frühstück im Hotel, der Anreise und der Anmeldung in der Eishalle, an der die Startunterlagen abgegeben und das Startgeld entrichtet wird. Beim Turnier wird nach heutigem Stand mit zwei Gruppen à elf Mannschaften gespielt. Die Spielzeit beträgt circa fünfeinhalb Stunden, danach ist Siegerehrung. In den Vorjahren gab es häufig noch einen Kameradschaftsabend. Am Folgetag ist dann die Abreise.

Ricarda: Es ist auch häufig so, dass es bei der Begrüßung einen Schirmherrn gibt und die Nationalhymne gespielt wird. Der Schirmherr kann zum Beispiel der Landrat sein und einmal war es in Bayern sogar der Innenminister. Das wird dann schon groß aufgezogen.

Seit vielen Jahren trägt er den Adler auf der Brust und erlebte im Eisstocksport schon so einiges: Abteilungsleiter Mathias Roock.

Ihr seid schon seit Jahrzehnten als Adlerträger aktiv. Ist es ein besonderes Gefühl, die Eintracht bei Turnieren zu vertreten?
Ricarda:
Auf jeden Fall. Ich glaube, dass ich in meinem ersten Fotoalbum schon einen selbstgenähten Strampler mit dem Adler auf der Brust hatte. Ich bin also wirklich in eine Eintracht-Familie hineingewachsen – und das macht mich schon sehr stolz. Das merkt man auch bei anderen Mannschaften. Da heißt es dann manchmal: „Oh, das ist Eintracht Frankfurt, die haben noch etwas anderes als Fußball!“ Das ist immer besonders lustig, wenn wir in ein Hotel einchecken.

Mathias: Egal, wann und wo ich mich für die Deutsche Meisterschaft qualifiziere – ich werde immer teilnehmen.

Wofür steht die Eintracht in euren Augen?
Ricarda:
Für eine große Familie, Solidarität und, was ich super unterstütze, Antidiskriminierung.

Mathias: In meinen Augen für Zusammenhalt und Gemeinschaft.

Die Eissportabteilung gibt es bei Eintracht Frankfurt seit 1959 und auch ihr habt schon einige Zeit hier verbracht. Welche besonderen Momente habt ihr mit dem Verein erlebt?
Ricarda:
Mit dem Verein hat man schon viele Reisen unternommen, dabei viele schöne Orte kennengelernt und nette Bekanntschaften und Freundschaften geschlossen.

Mathias: Ich durfte schon mal mit einer Delegation nach China reisen, um dort Eisstockschießen zu begleiten. 2019 gab es da einen Einladungswettbewerb zu der ersten offenen chinesischen Meisterschaft im Eisstockschießen mit Zielwettbewerb und Mannschaftsspiel. Da haben eine Eisstockkollegin und ich uns beim deutschen Verband dafür beworben, dass wir teilnehmen dürfen. Bis auf den Flug haben wir nichts bezahlen müssen. Alles andere hat der chinesische Verband übernommen. Das war schon ein interessantes Erlebnis.

Als Abteilungsleiter hoffe ich zunächst, dass uns diejenigen, die aktiv Sport bei der Eintracht betreiben, lange erhalten bleiben.

Mathias Roock

Ricarda: Nicht zu vergessen unser 24-Stunden-Turnier, das wir über 16 Jahre ausgerichtet haben. Ein Turnier, das bis zur Fortsetzung in Unterhaching einmalig in Deutschland war. Es kamen viele unterschiedliche und auch internationale Mannschaften (Österreich, Ungarn), die das Turnier geprägt haben. Es war viel Arbeit, aber auch ein Glücksmoment, wenn nach mehr als 24 Stunden Turniertätigkeit alles reibungslos abgeschlossen werden konnte.

Welche Ziele strebt ihr in der nahen Zukunft bei der Eintracht an?
Mathias:
Als Abteilungsleiter hoffe ich zunächst, dass uns diejenigen, die aktiv Sport bei der Eintracht betreiben, lange erhalten bleiben. Hinzu kommt, dass wir es erstmals, seit ich in der Bundesliga spiele – also seit gefühlten 25 Jahren, nicht geschafft haben, mit unserem eigenen Vereinsnamen anzutreten. Wir haben uns dann einen Spieler aus Duisburg ausgeborgt und sind als Region West gestartet. Ich hoffe, dass sich das bei der nächsten Bundesliga in Frankfurt, am letzten Wochenende im November, wieder ändert.

Ricarda: Kirsten Schmidt und Mathias Roock ist es gelungen, bei den Deutschen Meisterschaften im Weitenwettbewerb jeweils mit der Region West Anfang Januar 2022 die Silbermedaille zu gewinnen. Herzlichen Glückwunsch! Wir hoffen, auch in Zukunft wieder an diese Erfolge anknüpfen zu können.

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