24.11.2022
Bobsport

Seit 12 Jahren im Bob unterwegs

Höflich, freundlich, unaufgeregt und stets mit einem Lächeln auf den Lippen – Die Rede ist von Christoph Hafer, Olympia-Bronzemedaillengewinner im Zweierbob und seit 2022 mit dem Adler auf der Brust am Start.

Seit rund eineinhalb Jahren lebt der 30-jährige Polizeiobermeister nun in Hessen, genauer gesagt in Biebrich, einem Vorort der Landeshauptstadt Wiesbaden. Dafür hat er sein beschauliches Leben inmitten der Natur aufgegeben. „Ich habe mir vor dem Umzug zunächst schon Gedanken gemacht. Ich wohnte in einem kleinen Ort neben Bad Feilnbach mit 270 Einwohnern, also klischeehaftes bayrisches Landleben. Wir hatten mehr Kühe als Einwohner“, lacht Christoph Hafer darauf angesprochen, ob er nicht Bedenken gehabt habe vor dem Kontrastprogramm in der Großstadt. „Sicher dachte ich bei Frankfurt an die vielen Wolkenkratzer und kannte die Stadt nur von Bildern her. Ich fühle mich aber sehr wohl in Frankfurt und Wiesbaden, was ich anfangs nicht gedacht hätte.“ Der ausschlaggebende Grund für seinen Wechsel war, dass sein bisheriger Trainer ein Jobangebot in der Schweiz erhalten hatte. Und als der Trainerwechsel anstand, wollte er gerne in die Gruppe von Trainer Tim Restle, bei dem sein Anschieber Christian Hammers ohnehin schon seit einigen Jahren trainierte.

Geboren ist Christoph in Bad Aibling, aufgewachsen in Bad Feilnbach. Schon im Alter von neun Jahren kam Klein-Christoph durch ein Schnuppertraining, das in seiner Schule in den dritten und vierten Klassen angeboten wurde, zum Rodeln und damit in den Verein. Seither rollte er ein bis zwei Mal pro Woche mit anderen motivierten Knirpsen mit dem Vereinsbus zum Training an den Königssee. Später kamen Wettkämpfe hinzu, der Sprung in den bayrischen, anschließend in den deutschen Kader folgte. Christoph war spezialisiert auf Doppelsitzer-Rodeln – doch als im Alter von 17 Jahren sein Rodelpartner mangels Lust am Leistungssport aufhörte, war es gleichzeitig das Ende seiner eigenen Rodlerkarriere. Dabei plante Christoph ursprünglich, sich nach seiner mittleren Reife voll und ganz auf den Sport zu konzentrieren.

Ich kann es kaum abwarten, endlich wieder im Schlitten sitzen zu dürfen

Christoph Hafer

Was also nun? „Ich habe schon immer ein bisschen zum Bob herübergeschielt. Das Ganze ist wuchtiger, schneller, macht mehr Radau. Es gab zwar damals in Bad Feilnbach noch keinen Bobverein, aber die Tochter und der Sohn meines damaligen Rodel-Trainers sind bereits Bob gefahren, sodass die Kontakte da waren“, erklärt der Oberbayer. Nachdem er das erste Mal die Bahn heruntergefahren war, war klar: Er hatte seine neue Sportart, die er auf Leistungsniveau betreiben wollte, gefunden und wurde 2010 Bobfahrer – und bereits ab der zweiten Fahrt schon auch Pilot. Da Christoph als Anfänger zu diesem Zeitpunkt noch keinem Kader angehörte und somit auch keine Förderung bekam, musste er umdenken und absolvierte parallel zu seinem Leistungssport eine Elektrikerlehre im heimischen Bad Feilnbach. „Die Woche sah dann so aus: täglich acht Stunden arbeiten, anschließend noch zwei, drei Stunden Training. Sonntag war dann frei, da habe ich aber in der Regel durchgeschlafen, das Pensum schlauchte dann doch ganz schön“, erinnert er sich zurück.

Parallel gab Christoph 2011 sein internationales Debüt im Europacup in St. Moritz. „Das war eine Ausnahme und dem geschuldet, dass die Junioren-WM in Amerika stattfand. Somit waren alle Fahrer drüben und im Europacup gab es viele freie Plätze, zu denen sich jeder anmelden konnte“, beschwichtigt der Pilot seine schnelle Premiere. Darauf folgten zahlreiche Trainingsfahrten, bei denen er sich mit guten Leistungen für Höheres empfahl. 2014 sollte die Belohnung folgen – und die kam geballt: „Ich war im C-Kader und hatte nun den Sprung in den Bundeskader geschafft. Somit konnte ich mich bei der bayerischen Polizei bewerben und bin dann auch in die Spitzensportförderung aufgenommen worden.“ Und auch sportlich sollte Christoph einen großen Schritt nach vorne machen: Im Dezember 2014 fuhr er im Europacup in La Plagne im Zweierbob auf den fünften Rang und startete nun regelmäßig im Europacup. Bei der Junioren-WM 2015 in Altenberg gewann er im Zweierbob die Silbermedaille, im Vierer wurde es gar die Goldene. Der große Sprung an die Weltspitze gelang Christoph im Winter 2018/19, wo er seine erste Podiumsplatzierung im Weltcup (Zweierbob) feiern konnte. Fünf Siege in sechs Rennen im Europacup und regelmäßige Starts bei Weltcups folgten. 2020 gewann er mit Christian Hammers die Bronzemedaille bei den Europameisterschaften in Sigulda. Den vorläufigen Höhepunkt seiner Bobkarriere erreichte Christoph im Februar 2022, als er die Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen in Peking gewann – und damit den deutschen Dreifach-Triumph perfekt machte. „2026 noch einmal die Olympischen Spiele zu erleben, ist natürlich mein Traum“, so der 30-Jährige. Für die bevorstehende Saison hofft er, sich im Weltcup zu etablieren und vor allem eine klassische Weltcup-Saison zu erleben, in den Genuss kam er wegen der Coronapandemie bisher noch nicht.

Christoph Hafer (links) und Christian Hammers sind unzertrennlich.

Doch wie läuft eigentlich so eine klassische Weltcup- beziehungsweise Rennwoche ab? „Die Anreise erfolgt immer montags oder sonntags. Dienstags, mittwochs und donnerstags stehen die sechs Trainingsläufe auf dem Programm – übergreifend im Zweier und Vierer, diese kann man sich aufteilen, freitags haben wir frei und samstags sowie sonntags stehen die Rennen an“, erklärt Christoph und fügt hinzu: „Dazu kommt noch tägliches Athletiktraining und am Abend sind wir in der Garage und kümmern uns selbst um unser Material, die Pflege und Vorbereitung. Wir haben zwar Mechaniker dabei, aber sie sind für die Reparaturen zuständig, wenn etwas kaputtgegangen ist. Der Pilot ist außerdem zusätzlich für die täglichen Videoauswertungen von den Trainingsfahrten verantwortlich.“ Die Tage der Athleten sind gefüllt. Und nach dem Wettkampf am Sonntag wird wieder alles zusammengepackt, zum nächsten Ort gefahren und alles beginnt wieder von vorne.

Christoph wirkt sehr organisiert und als könne ihn nichts aus der Ruhe bringen. Kein Wunder, schließlich trägt er eine große Verantwortung für sich und sein Team und nimmt auch finanzielle Risiken in Kauf. Glücklicherweise ist er ausgebildeter Polizeiobermeister, das alleine reicht aber nicht zur Finanzierung des Bobsports aus. Zum einen trägt er die Investitionen in das Material wie die Kosten der Kufen oder die Miete für den Bob. Dazu kommt, dass er meistens seine Anschieber bezahlen muss und oftmals auch deren Reisekosten – zumindest auf nationaler Ebene. Deshalb ist die Unterstützung durch Sponsoren ein weiterer wichtiger Baustein. Im Gegensatz zu anderen Sportarten können diese auch international beispielsweise Flächen auf Waden, Bobgerät oder Kopfbedeckungen wie Stirnbänder oder Mützen belegen.

Christoph Hafer (links) und Matthias Sommer beim Medaillengewinn in Peking.

Und wenn es eines Tages nicht mehr für die Finanzierung reichen sollte? „Wenn es dafür nicht mehr reichen sollte oder aber ich verletzt bin oder keine Lust mehr habe, dann freue ich mich auf meinen Job als Polizeiobermeister. Diese Arbeit macht mir viel Spaß und habe ich glücklicherweise sicher.“

So schnell wird es dazu aber nicht kommen. In den Gesprächen mit Christoph ist seine unglaubliche Leidenschaft und große Liebe für den Bobsport mit jedem Wort zu spüren. Dabei nimmt er Entbehrungen in Kauf, um seinen Körper zu schonen. Er trägt eine enorme Verantwortung für sich und sein Team und geht finanzielle sowie gesundheitliche Risiken ein. Ich frage ihn, wofür das alles. „Weil es kribbelt, ich es kaum abwarten kann, nach sieben Monaten Pause endlich wieder in einem Schlitten sitzen und die Bahn herunterfahren zu dürfen. Da bin ich wie ein kleines Kind. Weil der Sport einfach Spaß macht. Weil es schön ist, mit den Jungs unterwegs zu sein. Einfach von A bis Z alles, was zum Bobsport dazugehört, liebe ich“, lacht er. Das sind schlagkräftige Argumente genug, oder?!